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"Wir sind ein Teil davon"
Susanne und Luise vor den Temporärity-Räumen in der Boddinstraße. Foto: Berliner.de

"Wir sind ein Teil davon"

von Guest

In der Neuköllner Boddinstraße haben Luise, Jill, Susanne und Johanna die Räume eines alten Ladengeschäfts angemietet. Unter dem Namen "Temporärity" stemmen sie dort seit einem Jahr ein ambitioniertes Programm aus Ausstellungen, Lesungen, Partys und Konzerten. Ein Gespräch über Kunst, Gentrifizierung und unvermeidliche Provisorien. 

 

Erzählt etwas darüber, was ihr hier macht.

Luise: Eigentlich haben wir einfach Räume zum Arbeiten gesucht, Jill zum Beispiel hat Raum zum Malen gebraucht, ich selbst arbeite im Filmbereich.  Als wir die Räume zum ersten Mal besichtigt haben, waren wir auf jeden Fall sehr euphorisch.  Wir haben hier fast 150 Quadratmeter, uns war auf den ersten Blick klar: Hier können wir alles mögliche machen. Wir mieten die Räume jetzt mit einem Zwischennutzungsvertrag, der eine Kündigungsfrist von einer Woche hat. Im Zweifel müssen wir jederzeit raus.

Susanne: Generell war das Konzept, Freiraum für Kunst zu schaffen. Hier in der Gegend gibt es ja viele Künstler, die kleine Ateliers haben, aber kaum Raum, um richtige Ausstellungen zu realisieren. Deswegen stellen wir die Räume anderen zur Verfügung, nicht kommerziell, die Anderen beteiligen sich lediglich mit einer Pauschale an den Stromkosten.  Eigentlich funktioniert das ganz gut.

Kann denn jeder zu Euch kommen und hier machen, was er will?

Susanne: Wir schauen uns alles an. Und besprechen untereinander, was wir machen wollen. Uns ging es von Anfang an nicht darum, eine einzige Sparte zu bedienen, nur Elektro oder nur Avantgardemusik, sondern eben eine bunte Mischung zu haben, die von Kabarett über Lesungen über Elektropartys über Fluxuskonzerte reicht. Aber die Räume sollen keine Spielwiese für beliebigen Quatsch sein.

Johanna: Teilweise sind einfach auch die Möglichkeiten begrenzt. Wir haben zum Beispiel nur in einem Raum Strom, da muss man mit Verlängerungskabeln arbeiten, die halt an den Wänden festgehämmert werden. Bei der ersten Party zum Beispiel ist zwei Mal der Strom ausgefallen. Ich glaub, ganz am Anfang haben wir einfach gar keinen Strom gehabt, da kam das Kabel durchs das Fenster aus dem ersten Obergeschoss.

Luise: Und keine Heizung gibt’s. (Lacht).

Wie ist denn das mit den Partys genau? Die letzte Party ist ja einigermaßen früh von der Polizei beendet worden, um drei Uhr nachts schon.

Susanne: Und das, obwohl wir den Nachbarn ein Hotel bezahlt haben! Wir müssen mal sehen, wie das weiter geht. Im Moment denken wir darüber nach, das alles etwas kleiner zu machen. Uns ist wichtig, niemanden zu vergraulen. Insgesamt war aber immer der Plan, die Räume über die Partys zu finanzieren. Drei haben wir bisher gemacht. Bei der zweiten Party waren 800 Leute da, bei der dritten hat die Polizei bei 700 Schluss gemacht. 

Johanna: Wir werden echt häufig angesprochen, Leute fragen uns, ob wir die neue Indisco sind, aber der Fokus liegt schon auf der Kunst.

Susanne: Und wir versuchen, nicht einfach nur Party  zu machen, sondern früh anzufangen und erst ein Konzert oder eine Lesung zu haben, und danach wird getanzt. Dadurch gibt's eine gute Vermischung im Publikum.

Johanna: Was für uns wichtig ist, egal, ob Party oder Ausstellung, ist, die Kosten für diejenigen, die kommen, so niedrig wie möglich zu halten. Wir sind ja hier in Neukölln, viele haben einfach mal nicht so  viel Geld.

Damit nicht einfach die Partymeute aus Mitte hierher strömt...

Luise:  Obwohl man schon sagen muss, dass die Leute, die herkommen, eher Studenten sind und nicht Leute mit Migrationshintergrund. Ich denke doch, dass wir ganz gut zum Gentrifizierungsprozess beitragen. Auch wenn das wir gerne für alle erschwinglich machen und es offen gestalten wollen.

Ich denke immer, dass sich diejenigen, die Freiräume brauchen, diese Freiräume suchen, und im  Moment ziehen die halt mit ihren Projekten in den Wedding oder nach Neukölln...

Luise: Die Frage ist sicher, wie sich das hier weiter verändert, wie es in fünf Jahren aussieht. Wahrscheinlich eher nicht wie in Mitte oder in Prenzlauer Berg. Andererseits steigen die Mieten, das kann man nicht leugnen, und Menschen ziehen weg, weil sie es sich nicht mehr leisten können.

Aber durch Projekte wie Eures erfährt die Gegend auch eine Aufwertung. Gibt es nicht auch so etwas wie „positive Gentrifizierung?“

Luise: „Positive Gentrifizierung“ ist eher kein guter Ausdruck. Aber der Prozess wird schwer aufzuhalten sein, und wir sind ein Teil davon, das ist schon richtig.

Susanne: Wir versuchen wirklich, nicht die Künstler zu sein, die reinkommen und sagen, uns interessiert das hier alles nicht.  Aber es ist schon aufregend zu sehen, das hier in der Gegend etwas passiert und zu realisieren: Wir sind ein Teil davon. Die Gegend wird sicher kommerzieller werden. Für uns ist es aber wichtig, nicht-kommerzielle Projekte zu unterstützen. Uns geht es nicht um Profit, dafür reicht es dann doch nicht, sondern um die Räume.

Johanna: Leute hier aus der Gegend kommen halt auf uns zu mit Veranstaltungsideen und sagen gleichzeitig, tut uns leid, wir haben kein Geld. Und an so einer Stelle sind wir offen. Wir wollen, das die Räume genutzt werden. Temporär.

Jill konnte bei unserem Gespräch leider nicht anwesend sein.

Temporärity
Boddinstraße 42
12053 Berlin

http://www.facebook.com/group.php?gid=179984697772&v=wall

Fotos

Kommentare

Gast (nicht überprüft) - 11.11.2010 - 10:42
Toll, wie ihr das macht! Ich bin stolz auf Euch und habe jede einzelne Veranstaltungen, ob Party oder Ausstellung, genossen. Sarah

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