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Von Kreuzberg nach Neukölln
Kiez 1

Von Kreuzberg nach Neukölln

von rufus

Wohnung Schillerpromenade Neukölln. Als ich vor einigen Jahren auf der Suche nach einer neuen Wohnung war, da waren es vor allem finanzielle Gründe, die mich in Neukölln enden ließen. Ich war damals noch Student und hatte zuvor in Kreuzberg gelebt, zwischen schönen, hippen Menschen im Gräfekiez, also auf der Kreuzberger Seite des Kottbusser Damms, und wann immer es mich danach verlangte, konnte ich herausgehen und mich in ein schnuckeliges kleines Café hocken und den fröhlich an mir vorüberplätschernden Besserverdienern beim Spazieren zusehen, denen es in Prenzlauer Berg zu dumm geworden war. Bloß dass meine Kreuzberger Wohnung ein Loch war, schlecht geschnitten, dunkel & hässlich im ersten Obergeschoss eines Hinterhofs, in den auch bei strahlendem Sonnenschein immerzu Nacht zu sein schien. Mein Kalkül, als ich in meine Kreuzberger Wohnung gezogen war: Du brauchst keine hübsche Wohnung, wenn Du in einer schönen Umgebung lebst. Nach zwei Jahren aber, die ich dort verbracht hatte, hatte ich die Dunkelheit und die Enge so satt, dass klar war: Beim nächsten Mal muss es besser werden, der Traum vom Altbau samt Dielen, Stuck & Balkon.

Neukölln war am Anfang ein Kompromiss. Hatte ich in Kreuzberg eine freundliche Umgebung gegen eine hässliche Wohnung getauscht, so war es nun umgekehrt. Jawohl, die Wohnung, die ich dort an der Schillerpromenade fand, war wunderbar, ein herrliches Zimmer mit Sonne, hohen weißen Wänden und frisch abgezogenen Dielen. Aber wenn ich die Treppe hinunterging auf die Straße, war die Aussicht wenig berauschend. Graue, vom Regen verwaschene Fassaden, Fahrräder, denen über Nacht die Reifen abmontiert worden waren. Immer war irgendwo eine der orangen BSR-Mülltonnen an den Laternen aufgeplatzt und hatte ihren Inhalt auf den Gehweg erbrochen. Und Hundekot, überall Hundekot. Und was noch deprimierender war: Es gab dort schlicht nichts zu tun. Keine Cafés, keine Bars, keine Clubs. Nur ein paar grindige Eckkneipen, in die ich mich ehrlich gesagt nicht hineintraute.

Das war 2005. Wann immer ich damals erzählte, ich lebe nun in Neukölln, erntete ich Mitleid in den Blicken. Wen es, wie mich, dorthin verschlagen hatte, mit dem konnte ich Gespräche darüber führen, dass es so schlimm nun auch wieder nicht sei, dass Neukölln besser sei als sein Ruf und dass die Neuköllner immerhin „echter“ seinen als die Bewohner der anderen Bezirke, weil sie in irgendeiner schwer verständlichen Weise der rauen Realität des Lebens näher stünden als diejenigen, die sich hinter sanierten Fassaden verschanzten. Richtig geglaubt haben wir uns das aber nicht.
Dabei war meine neue Gegend, auf den zweiten Blick, nicht so schlimm, wie sie aussah. Die Schillerpromenade, in der ich lebte, ist eine wunderschöne Straße. Breit, hell, ruhig, mit einer langgezogenen Mittelinsel, wo sich unter Bäumen Parkbänke und Spielplätze befinden. Kaum fünf Gehminuten entfernt ist der Volkspark Hasenheide, der nun wirklich besser ist als sein Ruf. Neben einem (zugegeben: fragwürdigen) Volksfest im Herbst und einem großen Abenteuerspielplatz samt Holzschiff gibt es dort im Sommer ein gutes Freiluftkino. Am Herrfurthplatz, der die Schillerpromenade in der Mitte unterbricht, hat sich seit einigen Monaten ein Markt angesiedelt, wo es Samstags Brot und Käse und Obst und Gemüse zu kaufen gibt. Das große Minus, der Fluglärm vom direkt angrenzenden Flughafen Tempelhof, ist kein Thema mehr. Und mit der U8 ist man nicht nur in drei Minuten zurück in Kreuzberg, sondern in gut 10 Minuten am Alexanderplatz.

Während ich mich dort langsam einrichtete, veränderte sich die Gegend, in der ich zuvor gewohnt hatte, Kreuzberg. Baugerüste wuchsen die Fassaden der letzten unsanierten Häuser empor, die letzten Ofenheizungen wurden abgerissen, die letzten dunkelrot-lackierten Dielen abgeschliffen. Die Mieten, die bereits astronomisch gewesen waren, als ich dort weggezogen war, kletterten weiter in die Höhe. Diejenigen, die neu hinzuzogen und sich teure Mieten nicht leisten konnten, begannen sich nach Alternativen umzusehen. Zuerst wichen sie auf die andere Seite des Kottbusser Damms aus, nach „Kreuzkölln“. Aber nachdem Kreuzberg fertig saniert war, wanderten die Baugerüste herüber und renovierten auch dort die Mieten in die Höhe, und spätestens ab 2008 wurde es eng für schlecht gefüllte studentische Geldbeutel.

Mehr und mehr beobachte ich seitdem, wie sich junge Leute zwischen 25 und 30 in meiner Gegend ansiedeln. Seit Mitte 2009 hat es einen förmlichen Studentenboom in meiner Straße gegeben. Eine erste Galerie hat sich vor wenigen Monaten in der nahen Weisestraße angesiedelt und stellt die Werke von Kunststudenten aus. Mehrere kleine, freundliche Cafés haben eröffnet und werden rege besucht. Und die Kioske und Internetcafés haben ihren Sortimenten Zusatzstoff-freie Zigaretten und Bionade hinzugefügt. Kürzlich bin ich erneut umgezogen. Ursprünglich hatte ich den festen Vorsatz gehabt, endlich aus Neukölln zu verschwinden. Aber die Gegend verändert sich, sie ist freundlicher geworden, und ich bin geblieben und habe lediglich eine größere Wohnung genommen. Diesmal ist Neukölln kein Kompromiss, sondern eine bewusste Entscheidung. Abzuwarten bleibt, ob die Baugerüste den Studenten folgen. Für den Moment sei jedoch jedem, der eine günstige Wohnung sucht, ein Blick in die Schillerpromenade und ihre Umgebung empfohlen.
 

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Kommentare

Gast (nicht überprüft) - 27.01.2010 - 09:11
Super geschrieben! 2 thumbs up! An diesem Beispiel kann man erkennen wie sehr und schnell Berlin und seine Bezirke sich wandeln!

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