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Idealismus im Dispo
© flowmo.biz/Monique Wuestenhagen

Idealismus im Dispo

Gesichter Berlins In und um Berlin schwappt eine Welle des Persönlichkeitskults. Die, die tagtäglich hinter der Wursttheke im Supermarkt, im Bus hinterm Steuer oder im Kinderlesekreis Rixdorf sitzen, rücken mehr und mehr ins Zentrum des Interesses. Es geht um die Stärkung von Gemeinsinn, vielleicht auch darum zu zeigen, dass es sich lohnt, seinen Optimismus oder sein Engagement aufrecht zu erhalten. So oder anders ist die Vielzahl an derzeit sichtbaren Projekten zu erklären, die sich um das Wirken, Wollen und Erinnern der Berliner drehen. Im Berliner Westen brummt es. Sogar der Phallus unter den Tourismuspilgerstätten, die Siegessäule begrüßt ihre Anhänger derzeit verkleidet wie eine mehrstöckige Hochzeitstorte, bestückt mit dem Körpern aneinandergetackerter Menschen, deren Geschichten sich im Netz nachlesen lassen. Und am Ku’damm sieht man seit gestern Abend die im Rahmen der Dauerausstellung gezeigte Serie „Gesichter Berlins“.

Die Ähnlichkeit zum parallel angelaufenen Siegessäulenprojekt verblüffte die beiden Macher von „Gesichter Berlins“, den 47jährigen Maler Flowrian und seine fast 20 Jahre jüngere Kollegin Monique Wüstenhagen, aber da kulturgeschichtlich sowieso schon alles da war, hielt die Verkrampfung nicht lange an. „Auch wenn das Anliegen ein ähnliches ist, so ist die Herangehensweise doch sehr unterschiedlich.“ Unter dem Namen Flowmo arbeitet das Duo nun seit einiger Zeit zusammen und – so der Slogan – „inszeniert Persönlichkeit“ vor den Hintergründen des Malers Flowrian. Allein schon optisch unterscheidet sich das Ergebnis ihrer Zusammenarbeit daher von anderen Projekten. Im Mittelpunkt steht der Mensch, denn: „Eine Stadt ist immer nur so toll wie ihre Bewohner.“

Ideal und Kompromiss Die beiden Wahl- und Herzensberliner sind aufgeschlagen in Berlins ältestem Stadtteil Neukölln, wo sie nun auf sehr kleinem Raum unter dem Banner von „jesus christ superspar“ zwischen zwei wackligen Stühlen, einem Sessel und dutzenden alten Requisiten, Farbtuben und Ortsbildern ihre gemeinsame Arbeit vorbereitet haben. Sie haben Milchkaffee mitgebracht („Die Becher sind super zum Farben anrühren“), die Journalistin ist bestechlich aber nicht nur wegen des Koffeins sogleich voller Sympathie. Aus dem Nebenzimmer, dem Atelier eines befreundeten Künstlers, riecht es nach Holz, während, wer durch die abstrakten geometrischen Virengestecke nach vorne tritt in einem schönen Atelierraum voller großwandiger monochromer Malereien landet. Draußen auf der Straße plaudern zwei türkische Frauen vor einem Antiquitätengeschäft, braune Vorhänge schützen das Atelier vor zu viel Sonne und Neugier.

An ihrem Bezirk schätzen die beiden vor allem die Freiräume, die Gleichzeitigkeit verschiedener Lebensformen, die Begegnung, die es leichter macht, mit kulturellen Unterschieden umzugehen. Noch sei Neukölln eine Art Oase, konstatieren beide, ein Ort, an dem noch vieles möglich ist, vor allem, es anders zu machen als in anderen Bezirken, um der Gentrifizierung rechtzeitig entgegen zu wirken, die von Kiezen wie Prenzlauer Berg, Mitte und mittlerweile auch Kreuzberg herüberzuschwappen droht. Dass der Idealismus sich nicht selbst zahlt, bekräftigen beide, eine Bewegung, die sich behaupten will, muss in der Lage sein, sich selbst zu finanzieren. Dazu gehört auch, sich kommerziellen Aspekten zu öffnen.-. Dass das beiden nicht gerade leicht fällt, erkennt man auch schnell an der Tatsache, dass es sich bei „Gesichter Berlins“ um ein komplett unbezahltes Projekt handelt, für das beide keinerlei Förderung erhalten haben.

Engagiert, nicht zwanghaft politisch korrekt Als Künstlerin versteht sich Monique Wüstenhagen nicht unbedingt als politisch, eher als sozial. Die Hand aufhalten und Probleme an Politiker zu delegieren sei nicht ihres, sagt sie energisch, wer etwas wolle, der solle sich kümmern, sich zu organisieren sei eine Freiheit, die viel zu selten genutzt werde. Mit der Rollenverteilung schränkt man nur seinen eigenen Spielraum ein, und dass Widerstand und Glauben an das Gute durchaus produktiv sein können, zeigt sich im direkten Umgang mit den Menschen, wie etwa in ihrem Ausstellungsprojekt, das beide als Gegenwarts-Pol zum eher historischen Ausstellungskontext von „The Story of Berlin“ verstehen. Zunächst sei es ihnen ein Anliegen gewesen, möglichst alle Facetten Berlins zu zeigen, aber letztlich sei ihnen aufgegangen, dass der an political correctness orientierte, zwanghafte Versuch „noch einen Schwarzen, einen Japaner oder ein Kind“ in das Projekt zu integrieren irgendwie verspannt sei,  und es gelte, die Kontakte, die sich ergeben, anzunehmen. Das Angebot, sich am Projekt zu beteiligen, habe sich per Mund-zu-Mund-Propaganda fortbewegt, einige alte Kontakte seien darin wiederzufinden, andere seien erst in der Arbeit entstanden. Bleibend war jedoch der Eindruck, den beide von der Arbeit an „Gesichter Berlins“ mitgenommen haben, nämlich den Wunsch genauer hinzusehen, sich über die Bedeutsamkeit selbst unpersönlichster Gebäude im Klaren zu sein, eine Sensibilisierung für Geschichten, sowie die Hoffnung und das Vertrauen in die Berliner.

Mit Rock'n'Roll gegen verschränkte Arme Diese im Studio zu entspannen war eines der Hauptanliegen von Monique Wüstenhagen, die sonst auch Sänger und Musiker fotografiert, und weiß, dass das Shooting vor allem dann interessant wird, wenn der Fotografierte das Bedürfnis ablegt, sein Selbstbild zu präsentieren, wenn also das Echte die Pose ersetzt, in die sich viele aus Unsicherheit erst einmal zurückziehen. Gerade dieses Moment sei im Umgang mit Prominenten seltener zu erreichen, sie seien professionalisierter in ihrem Umgang mit Medien, abgeklärter, bewusster, was zu zeigen und was zu verbergen sei. Die Überraschung bleibt meistens aus, weshalb sich beide schnell darüber klar waren, dass es ihnen um ganz gewöhnliche Menschen gehen sollte, deren Anliegen und Geschichten ja nicht weniger interessant sein müssen als die der Menschen, die ohnedies überall ihre Plattformen haben. Auch keine Künstler sollten es am Besten sein, denn „Künstler in meine Kulisse zu stellen, also jemanden, der seine eigene, vielleicht ganz andere Sache macht, in meiner Kunst zu zeigen, das ist irgendwie nicht richtig. Wir haben das einmal gemacht, aber das war es dann auch schon. Künstler brauchen einen anderen Rahmen“, beschreibt Flowrian, der nach seiner Zeit als Punk im Vorwende-Berlin unter anderem für Daimler Chrysler und Tchibo gearbeitet hat, die Auswahlkriterien der Ausstellung.

Also lud man die Berliner in das winzige Atelier vor den gewaltigen Stadtstrudel, gab ihnen ein Abbild ihres persönlichen Lieblingsobjekts in die Hand, legte Musik auf, von der man dachte, sie könnte den Fotografierten gefallen und versuchte sich mit Perspektivspielen, Licht und Blenden der Persönlichkeit der Modelle zu nähern. „Ich bevorzuge eine Klarheit in meinen Bildern“, sagt Monique Wüstenhagen. Diese Klarheit, das zeigt sich in den Arbeiten mit Flowrian, hatte sich in diesem Projekt zu dem alles verschlingenden Strudel der Stadt zu positionieren, dem die beiden Künstler ihre Protagonisten – die Berliner – mit ihren ganz persönlichen Geschichten, denen ihnen eigenen Lieblingsorten entgegen stellen.

Das Wesentliche im Beton Die teilweise unscheinbaren Orte, zu denen auch Sprungbretter und Hochhäuser zählen, und die mit ihren aufgemalten Augen den Blick des Betrachters auf das „Gesichtermeer“ zurückgeben, haben beide auch auf Buttons gedruckt. Auch andere Arten des Merchandisings waren im Gespräch, aber ohne Kapital bleiben es zunächst einmal Wünsche. Über den Wert der eigenen Arbeit herrscht dabei produktiver Streit, der sich, so beide einstimmig, aus ihrer großen Ähnlichkeit speist – „wir unterbieten uns beide gegenseitig, und wenn wir uns dann mal auf einen Preis geeinigt haben, verschenken wir die Sachen doch“. Auf Reibung will dennoch keiner von beiden verzichten, denn sie hält die Beziehungen lebendig und festigt Standpunkte. Ihr Altersunterschied spielt in der Zusammenarbeit kaum eine Rolle.

Dass man irgendwann Stopp sagen muss, ist Teil des künstlerischen Prozesses. Seit Januar arbeiten sie nun an „Gesichter Berlins“, und im Laufe der Zeit haben sich neue Verbindungen hergestellt, neue Bedürfnisse ergeben. Ein größeres Atelier in Neukölln zum Beispiel, bezahlbar bei etwa 30 Quadratmetern, das ist so ein Projekt. Auf sich selbst Rücksicht nehmen. Und – wenn der Körper schon verneint – seine Signale mal ernst nehmen, und sich nicht weiter mehr als nötig ausbeuten. Dass man Geld verdienen muss, um sich diesen Idealismus leisten zu können, wissen beide. Demnächst fotografieren sie eine Großfamilie vor einer extra dafür angefertigten Piratenschiffkulisse. Auf 20 Quadratmetern bleibt das ein Abenteuer. Und Leidenschaft, bei allem, was man tut, die gehört sowieso dazu.

Weitere Arbeiten der beiden finden sich auch unter www.flowmo.biz - hier kann man auch gerne Ateliervorschläge abgeben.
Und natürlich täglich von 10-20 Uhr am Kurfürstendamm 207-208 im Foyer der Ausstellung „The Story of Berlin“. Der Eintritt ist frei!

 

Fotos

Kommentare

Gast (nicht überprüft) - 24.08.2010 - 06:33
FREUE MICH, FREUE MICH, FREUE MICH für euch beide, Flowri und Monique! Und für das Projekt!! Und für alle Gesichter Berlins auch. Liebste Grüße, Mike

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