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Es regnet! Chaos auf Berlins Straßen
Foto: Soundmonster, Quelle Lizenz: Creative Commons (cc)

Es regnet! Chaos auf Berlins Straßen

von Elke

Ohje, es regnet und das bedeutet in Berlin eigentlich immer: es wird richtig gefährlich auf den Straßen! Sobald sich nämlich das erste Regentröpfchen auf dem grauen Asphalt nieder lässt, versetzt das die Berliner Autofahrer in eine solche Panik, dass alle gute Manieren im Straßenverkehr vergessen werden. Nun, ob diese jemals existierten, ist natürlich eine berechtigte Frage, aber: wenn es vorher schon schlimm war, dann wird es bei Regen auf jeden Fall noch viel, viel schlimmer! Die Grenzen zwischen Ur-Berlinern und Zugezogenen verwischen hier immerhin. Bei Regen fahren in Berlin alle gleich. Nämlich gleich schlecht. Es ist ein einziges Geruckel und Geschiebe auf den Straßen. Da wird zu schnell angefahren – man hat es ja schließlich eilig – ruppig abgebremst – „Hat der vor mir keine Augen im Kopf? Da sitzt doch bestimmt eine Frau am Steuer!“ – wieder beschleunigt, schnell die Ampel bei rot genommen – „Wie? Die Fußgängerampel war schon grün?!“ – und geschnitten, was das Zeug hält. Und weil man ja den Verkehrsfunk nicht hört, wundert man sich jeden Tag aufs Neue über die seit Monaten bestehende Baustelle und das dadurch fabrizierte Nadelöhr nebst Stau. Nun ja, auch wundern ist dafür wohl nicht ganz das richtige Wort. Was da an Vokabular an der Frontfensterscheibe jeden Tag abprallt, ist nur in den hasserfüllt funkelnden Augen der Fahrer und an den gequälten Gesichtern der Beifahrer abzulesen. So früh am Morgen und schon so schlechte Laune!


Zwischen all den Autos, über Straßen, Gehsteige und Fahrradwege toben noch dazu bei Regen ohne Unterlass Radfahrer, die einen ähnlich aufgewühlten Fahrstil an den Tag legen, und mit Regenschirmen und schlechter Laune bewaffnete Fußgänger. Es ist ein Kampf, der bei Regen jeden Tag aufs Neue entbrennt. Fahrradfahrer flitzen im Zickzack durch die Menschenmassen und Autoscharen, klingeln wie wild, weil mal wieder ein paar Verpeilte auf dem Fahrradweg stehen, nehmen jede Ampel bei grün, gelb oder rot, je nachdem was sich da gerade anbietet, vollbringen Höchstleistungen in Tempo und Reaktionsgeschwindigkeit und setzen dem Stress, dem der gemeine Autofahrer eh schon ausgesetzt ist, noch die Krone auf. Und die reagieren prompt und jagen alles, was nur zwei Räder hat. Was der Grund für das hektische Flankenschlagen ist? Keine Ahnung. Vielleicht sind sie ja der Mär aufgesessen, dass man, je schneller man fährt, weniger Regentropfen abbekommt, also weniger nass wird.


Und als ob das nicht alles schon genug ist und Anlass genug gäbe, auf der Stelle nach Hause zu gehen, um sich a) im Bett zu verkriechen oder b) den großen Schutzpanzer für das Bestehen im Berliner Regenalltag anzulegen, gibt es da noch eine weitere teilweise mit Stock und Schirm bewaffnete Spezies, die über die Gehsteige kreucht und fleucht. Ich mag keine Menschen, die vor mir laufen und plötzlich stehenbleiben, das gebe ich offen zu. Wenn diese sich dann aber mit aufgespanntem Regenschirm plötzlich umdrehen, wird’s auch noch höchst gefährlich. Ein abruptes nach hinten beugen könnte eine ungewollte Kopfnuss für und mit jemand anderem bedeuten, zur Seite springen und auf den Füßen eines anderen landen, stellt auch keine wirkliche Alternative dar. Schnell also die Hand vor die Augen schlagen und den Schirm mit dem Unterarm abwehren. Ich wohne im Prenzl’ Berg, da bin ich darauf trainiert. Auch auf pampige Antworten der Schirmträger oder hochnäsiges Naserümpfen und Stirngekräusel. Ist ja auch praktisch so ein Schirm. Endlich hat man mal einen Raum um sich herum geschaffen, der ehrfurchtsvoll respektiert wird, und den nur betreten darf, dem Audienz gewährt wird. Herrlich! Ich bin König in meinem Schirmreich!
Die anderen Passanten springen mit oder ohne Waffe munter im Zickzack über den Gehweg, rennen blind vor Autos – „Huch, ich hab ja gar nicht gesehen, dass schon rot ist! Der Schirm…!!!“ – und stoßen die, die langsamer sind, genüsslich aus dem Weg. Da kann man seinem Gegenüber noch mal so richtig eins mitgeben. Dir passt das Gesicht, die Hose, Jacke, der Rock, die Schuhe, die Tasche, Haarfarbe oder sonst was nicht? Nutze die Chance und lass bei Regenwetter die schlechte Laune mit einem ordentlichen Ellbogenhieb oder „Schirm über den Kopf“-Zieher an dem Pechvogel aus. Er wehrt sich nicht? Lusche! Widerworte? Noch mal schnell eins nach schieben!
Doch wehe dem, der einen dieser Zweibeiner zusätzlich bewaffnet mit einem Hackenporsche (besser bekannt als Handwagen oder Trolley) oder noch schlimmer mit einem Kinderwagen begegnet. Alles was hier bei drei nicht auf dem Baum… ähm, … aus dem Weg ist, wird gnadenlos überrannt und überfahren. Da kennt man kein Pardon!
Vorbei sind die Zeiten, in denen man älteren Herrschaften – ich meine die netten, nicht die, die einen mit dem Gehstock bedrohen – über die Straße geholfen oder die Einkäufe nach Hause getragen hat, ohne sie gleichzeitig auszurauben, oder zumindest das Gefühl zu haben, man würde argwöhnisch als potentieller Dieb betrachtet. Und vorbei sind die Zeiten, in denen jeder dem anderen ein Stückchen aus dem Weg ging, so dass dann tatsächlich doch jeder ohne jeglichen Körperkontakt und mit einem freundlichen Zunicken aneinander vorbei ging. Nö, heute läuft man im Rudel und nebeneinander über die Straße. Wo sind nur die schönen Zweiergrüppchen geblieben, die wir schon damals in der Schule mühevoll einstudiert haben und die auch noch heute bei Schulausflügen praktiziert werden?


Eigentlich ist es völlig egal, welches Wetter ist. Denn die schlechte Berliner Laune wird jeden Tag aufs Neue zelebriert und zur Schau getragen und auf der Straße ausgefochten. Du kannst entweder Teil davon werden und mitkämpfen oder Dich davon distanzieren, darüber amüsiert lächeln und den Kopf schütteln. Ich habe mich für Letzteres entschieden. Aber manchmal bleibt auch mir das Lachen im Halse stecken. Wie heute.

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