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Erinnern – Vergessen – Behalten – Verlieren
Karl-Marx-Str. - Foto: Museum Neukölln

Erinnern – Vergessen – Behalten – Verlieren

In diesem Jahr feiert nicht nur der Bezirk Neukölln (ehemals Rixdorf) 650-jähriges Jubiläum. Im September wird obendrein die „Passage“, die Verbindungsachse zwischen Karl-Marx-Straße und Richardstraße, 100 Jahre alt. Für die 48 Stunden Neukölln ist dies ein gebührender Anlass, sich dem Thema „Erinnerung“ zu widmen. Aus städtebaulicher Sicht ist die „Passage“ zweifellos einer der markantesten Orientierungspunkte an der Karl-Marx-Straße. Auch 2010 ist hier der Standort für den zentralen „Festival-Info Punkt“. Nur wenige Hundert Meter entfernt vom geschäftigen Treiben auf der belebten Karl-Marx-Straße liegt das historische „Böhmische Dorf“. Bekanntlich gewährte Friedrich Wilhelm I. 1737 einer Gruppe böhmischer Glaubensflüchtlinge Zuflucht im damaligen „Rieksdorf“. Vieles deutet darauf hin, dass die „Integration“ der ersten Migranten nicht ganz ohne Konflikte verlief. Die Böhmen siedelten zunächst in der Randlage des Dorfes. Als „Böhmisch Rixdorf“ erhielt die Gemeinde der Zuwanderer ab 1797 sogar eine eigene Verwaltung. Bei der Wiedervereinigung der beiden Gemeinden Böhmisch-Rixdorf und Deutsch-Rixdorf im Jahr 1874 lebten bereits 8.000 Menschen in dem Dorf, dessen Einwohnerzahl so rapide anwuchs, dass es 1899 die Stadtrechte erhielt.  

Man kommt nicht umhin, zwischen der historischen und der gegenwärtigen Situation in dem bevölkerungsreichen Berliner Bezirk gewisse Parallelen zu sehen. Damals wie heute geht es um den Themenkreis „Integration und kulturelle Identität“. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist Neukölln ein Schmelztiegel, in dem Menschen aus 165 Nationen zusammen treffen. (Inter-)kulturelle Projekte haben eine Brückenfunktion bei der Bewältigung der Herausforderung, sich ein weiteres Mal als Gemeinschaft neu zu (er)finden.

Fast ein halbes Jahrhundert residierte das „Museum Neukölln“ – „die wichtigste Adresse für die Vermittlung von Geschichte und Alltagskultur in Neukölln“ – in der Ganghofer Straße. Unmittelbar nach seinem Umzug auf den „Gutshof Britz“ werden die Räumlichkeiten im Rahmen der 48 Stunden Neukölln zwei Ausstellungen beherbergen, die sich mit unterschiedlichem Schwerpunkt dem Thema „Erinnerung“ widmen:

Horizonte

Insgesamt 16 bildende Künstler beziehen Position zur Stadthistorie und machen sie als Speichermedium verschiedener politischer Ereignisse, Gesellschaftsformen und individueller Lebenswirklichkeiten sichtbar. So werden alte Ansichten im Balkankrieg zerstörter Städte bei Henning Kappenberg zu Gedächtnisbildern. Karsten Konrad verweist mit seinem Modell verschwundener DDR-Architektur auf die Brüche im Berliner Stadtgefüge wie auch auf die Visionen eines untergegangenen Staates. Andere Arbeiten beziehen sich auf die Neuköllner Lokalgeschichte: Franz Johns Klanginstallation „sich erinnern...“ macht vergessene und übersehene Orte im Stadtteil wahrnehmbar. Nach unseren Wurzeln und kulturellen Bezugsrahmen fragt Martina Becker. Sie inszeniert mit „Operation Richard“ die spektakuläre Entdeckung einer kleinen, vergessenen Gesellschaft, welche sich seit 650 Jahren – abgekapselt von der Außenwelt – nicht verändert hat.

Durchgehend von Freitag 19.00 Uhr bis Sonntag 19.00 Uhr liest der Autorenclub quertext Gedichte und Geschichten quer durch alle Genres, Zeiten und Welten.

Ort: Altes Museum, Ganghofer Str. 3, Fr. 19:00 – So 19:00

urban memories

Parallel dazu entwickeln sechs KünstlerInnen aus unterschiedlichen Ländern partizipatorische Einzelprojekte und Performances, die die Mitwirkung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen suchen, beziehungsweise in direkter Interaktion mit AusstellungsbesucherInnen zustande kommen. urban memories verweist darauf, dass die Geschichte(n!) des Stadtteils, die eigenen, multiperspektivischen Geschichten der interkulturellen Bevölkerung Neuköllns sind.

Ort: Altes Museum, Ganghofer Str. 3, Fr. 19:00 – So 19:00

Eleonore Prochaska

In dem medialen Kunstprojekt wird an Eleonore Prochaska erinnert, die vor 225 Jahren als Tochter böhmischer Einwanderer in Böhmisch-Rixdorf geboren wurde. Während der Befreiungskriege gegen Napoleon schloss sie sich als Mann verkleidet dem Lützowschen Freikorps an, wurde im Kampf schwer verwundet und starb. Sie wurde darauf hin als die „preußische Jeanne d'Arc" verehrt. In einer Außeninstallation der Künstlerin Beate Klompmaker werden u. a. überlieferte intime Briefe, geschrieben von Eleonore Prochaska an ihren Bruder, und ein eigens für Eleonore Prochaska von Ludwig van Beethoven komponierter Trauermarsch zu hören sein. Stationen des Identitätswandels der Eleonore Prochaska (Darstellerin Rita Braisch) sind in Form fotografischer Portraits auf Werbeträgern im Berliner Stadtraum, insbesondere in Neukölln, sowie in Köln und in Ústí nad Orlicí in Tschechien zu sehen.

Ort: Kirchgasse 60, Fr. 19:00 – So 19:00

REMEMBER_BE MEMBER –

Experimentelles Museum 1

museeon – eine Gruppe von Berliner „AusstellungsgestalterInnen“ – experimentiert in diesem Kunstprojekt mit neuen Erlebnisformen im Museumskontext. 48 Stunden lang steht ein leerer Raum zur Verfügung, den BesucherInnen unter dem Motto „REMEMBER_BE MEMBER“ durch ihre Geschichten mit Leben füllen und in ein außergewöhnliches Museum verwandeln können. An allen drei Tagen gibt es dazu jeweils ein „special event“. Die Titel der Veranstaltungen, die am Freitag und Samstag jeweils um 19.00 Uhr und am Sonntag um 18.00 Uhr beginnen, lauten: „Erinnerungen anstoßen“, „Erinnerungen feiern“ und „Erinnerungen freilassen“.

Ort: Ida Nowhere, Donaustr. 79, Fr. 19:00 - So 19:00

NEUKÖLLNER GESICHTER –

Berühmte Persönlichkeiten in Neukölln – Ein Quiz im Erdgeschoss der Neukölln-Arcaden

Der Neuköllner Kiez war immer schon ein interessantes Pflaster. Nicht nur heute zieht die Kreativ-Szene dorthin, sondern auch schon früher hat es KünstlerInnen, SchauspielerInnen, MusikerInnen und andere bekannte Persönlichkeiten hierher verschlagen. Was aber haben Joseph Beuys, Dagobert oder Marianne Rosenberg mit Neukölln zu tun? Neun „Berühmte Neuköllner“ werden sowohl schriftlich als auch visuell in jeweils einer Vitrine portraitiert und dargestellt. Wer den auf einer Postkarte aufgelisteten Namen die richtige Vitrine zuordnen kann, nimmt an der Preisverlosung teil. Die glücklichen Gewinner erwarten attraktive Preise, wie zum Beispiel eine Kiez-Führung der besonderen Art mit Herrn Steinle in einer offenen Kutsche durch Neukölln.

Ort: Neukölln Arcaden, Karl-Marx-Str. 66, Fr. 19:00 - 22:00, Sa 08:00 - 22:00, So 08:00 - 19:00

Die 48 STUNDEN NEUKÖLLN werden vom Kulturnetzwerk Neukölln e.V. organisiert und kommuniziert. Das Bezirksamt Neukölln stellt die Grundfinanzierung sicher. Viele weitere Stiftungen, Partner und Sponsoren tragen dazu bei, dass sich Neukölln alljährlich von seiner besten Seite präsentiert.

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