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Der kürzeste Weg zum Strafverfahren
© LeRamz, Quelle Lizenz: Creative Commons (cc)

Der kürzeste Weg zum Strafverfahren

Und es ist ja ohnehin schon ein mieser Tag
Das Elend beginnt am frühen Morgen. TGV, mein kettenschwaches, lichtarmes, Bordsteinkanten fürchtendes Fahrrad ist über Nacht mit einem anderen abgezogen und sein Erlös von sagen wir 8 Euro wird vermutlich gerade in Spätburgunder investiert. Reichlich wütend und misstrauisch mache ich mich gegen Mittag zu einer Verabredung in Kreuzberg auf, und penetriere alle, die mir auf dem Weg zur U-Bahn begegnen, mit skeptischen, hasserfüllten Blicken. Jeder ist heute ein Dieb. Alle anderen Verbrechen sind praktisch unsichtbar, meine Wut gilt ganz allein den Fahrraddieben. Darum werde ich auch nur leicht misstrauisch, als mir am Fahrkartenautomaten des U-Bahnhofs Neukölln ein dünner, junger Mann von etwa 27 zur Seite springt: Ob ich ein Tagesticket brauche. Ich, nun immobil und nicht besonders laufstark, denke an die vielen Wege, die ich heute machen muss, die schwere Tasche unter meinem Arm und die Thrombosebeine meiner Verwandten. Als er mir den Preis sagt – 3 Euro – muss ich nicht mehr allzu lange überlegen.

Die Guten
Unter anderen Umständen hätte mich der Preisnachlass von immerhin 50% vielleicht stutzig gemacht, aber da es bereits auf den Nachmittag zugeht, wundere ich mich nicht. Ich kenne Ticketverkäufer in Kreuzberg. Es sind große, magere Männer im schicken Mantel und quirlige Typen mit Pferdeschwanz, nie um ein kleines Schwätzchen verlegen. Jeden Morgen auf dem Weg zur Bahn haben sie mich gegrüßt, mir einen guten Tag gewünscht, ihre Kollegen um 1 Euro heruntergehandelt, wenn sie ein unfaires Geschäft vermutet haben. Ich kenne ihre Preisabstufungen über den Tag verteilt und ihre Verhandlungsbereitschaft, ihren Willen mir alle Daten auf den gesammelten Tickets genaustens zu erklären, angefangen beim Stempel über die Richtung über die Gültigkeitsdauer. Sie berieten mich als ich mein erstes Monatsticket am Automaten kaufen wollte, und das, obwohl der Kauf für sie bedeutete, dass sie einen potentiellen Kunden verlieren würden. Ich dankte es ihnen mit einer Packung Trüffel, die sie sichtlich irritiert und gerührt entgegen nahmen. Nie im Traum wären sie auf die Idee gekommen, mir ein gefälschtes Ticket anzudrehen.

Die Bösen
Mit den Neuköllner U-Bahnhöfen habe ich bis dato keine Erfahrung. Aus Erzählungen weiß ich, dass man an Neuköllner U-Bahnhöfen von gefälschten Zigaretten bis Heroin so ziemlich alles kaufen kann. Ich rechne einen Teil der Vergehen zum Boulevard. Da ich gerade neu zugezogen bin, und nie zuvor von hier aus Bahn gefahren bin, ich keinem Crackraucher begegne und alle Birnen der Deckenbeleuchtung funktionieren, scheint mir der Höllenvorhof weit weg. Dass es sich bei dem Fahrschein des jungen Mannes um ein Busticket handelt, lässt mich kurz innehalten -die gute alte Intuition- irgendwas mit den Bustickets war doch nicht in Ordnung? Aber als ich auf das Ticket schaue, steht da BVG und ich denke mir, BVG ist BVG, da gibt es keine Linienbeschränkung. Der junge Mann nickt bekräftigend wie eben jeder Verkäufer, der dringend etwas an den Mann bringen will, ich könne den ganzen Tag damit fahren, es sei gar kein Problem, das Ticket gelte überall. Er wirkt nervös, aber da ich selbst monatelang an U-Bahnhöfen Zeitungsabos verkauft habe, führe ich seine Unruhe auf das schwierige und nicht gerade ertragreiche Tagesgeschäft zurück und drücke ihm dankbar 3 Euro in die Hand. Dass er sofort im Treppenaufgang verschwindet, wundert mich erst später.

Die Quittung
Um genau zu sein, wundert es mich 6 U-Bahnstationen später, als ich in die erste Kontrolle des Tages gerate. Selbstbewusst halte ich den Kontrolleuren, einer älteren Frau und einem jüngeren Mann, mein Ticket entgegen. Mit einigem Entsetzen muss ich zusehen, wie die ältere Frau meinen Fahrschein entgegen nimmt, ihn gründlich mustert und ihn mir nicht wieder zurückgibt. „Der ist nicht echt“, sagt sie, „dit is ne Kopie.“ Ich sitze mit offenem Mund, einer Andeutung des folgenden Stotterns. Während die Frau beginnt, mir einen Bußgeldüberweisungsschein auszustellen, redet der Mann beruhigend auf mich ein. Ich hätte den Fahrschein ja sicher an einem U-Bahnhof gekauft. Ich nicke paralysiert. Dass man das doch nicht machen sollte. Ich schüttele ebenso paralysiert den Kopf. Dass es Wasserzeichen gäbe und Nummern, einen Haufen Erkennungszeichen, die Fälschungen entgegen wirken sollen. Ich stelle mir vor, wie ich mit einem farbdruckechten 50 Euro-Schein zu diesem Hornochsen gehen und mir sehr echte 40 Euro herausgeben lassen werde. „Das Ticket ist ein Beweismittel, das behalten wir ein“, sagt die Kontrolleurin und drückt mir den Bußgeld-Bescheid in die Hand.

Liebesbriefe von der Polizei
Die nächsten Wochen bleibt es still. Ich meine mich auf der richtigen Seite. Natürlich, man wird das Ticket mit den Fälschungen anderer Fahrscheine vergleichen, um Aufschluss darüber zu erhalten, mit welchen Banden man es zu tun hat. Umso überraschter bin ich, als 4 Wochen später ein Schreiben des Polizeipräsidenten in meinem Briefkasten liegt, in dem ich des Betrugs bezichtigt werde und man mich darüber belehrt, dass ich zu diesem Fall Stellung zu nehmen habe, um meine Aussichten im Strafverfahren zu beeinflussen. Strafverfahren? Anzeige? Eine kurze Google-Reise ergibt, dass es bei Weitem schlimmer ist, mit einem gefälschten Ticket erwischt zu werden, als ohne ein Ticket, dass ich aber noch Glück im Unglück habe, und mir eine Anzeige wegen Urkundenfälschung erspart bleibt. Verzweifelt denke ich daran, dass nur die beiden Kontrolleure wirklich bestätigen könnten, wie mich die Fälschung überrascht hat - beweisen, dass ich rein gar nichts kopiert habe, kann ich natürlich nicht.

Welcome To Worst Case
Die folgende Nacht google ich mich durch meine Alpträume. Ich will mehr erfahren über die Konsequenzen, und der Brief selbst enthält keine weiteren Informationen als jene, dass ich das Recht habe, mich zu entlasten. Mit Amtsbriefen verhält es sich ähnlich wie mit Liebeserklärungen: Vieles bleibt für den Außenstehenden kryptisch. Auf der Rückseite des handschriftlich gegengezeichneten Briefes fordert man mich auf, Angaben zu meinem Beruf zu machen. Da ich mit einiger Phantasie ausgestattet bin, wächst sich das Ganze in meinem Kopf zu einer handfesten Krise aus, an deren Höhepunkt man meinen Arbeitgeber über meinen vermeintlichen Betrug informieren wird. Ich werde gefeuert und verarme in der Gosse von Neukölln, wo ich in Zukunft selbst Fahrräder stehle und gefälschte Tickets verkaufe - bei meinem momentanen Glück werde ich aber vorher noch schnell schwanger.

Herr und Frau Grundeis
Warum tatsächlich nach diesen Daten gefragt wurde, wird mir klar, als ich in einigen Foren auf die Information stoße, dass die Geldschuld abhängig ist von meinem Verdienst. Nicht nur, dass ich 3 Euro an einen Lügner und 40 Euro an die BVG verloren habe, nun soll ich noch mal „zwischen 100 und 200 Euro“ an Lehrgeld zahlen. Die betroffene Klientel ist vielfältig und bisweilen dreist. Ich stoße auf Mädchen, die zum Spaß mal ein Ticket gefälscht haben und nun wissen wollen, wie sie es beim nächsten Mal besser anstellen können. Ich stoße auf junge Frauen, die von älteren Herren, mit denen sie sich jeden Tag den Heimweg geteilt haben, mit einem falschen Dauerfahrschein betrogen worden sind (don’t trust grey hair! Herr Grundeis 2010!). Ich stoße auf Menschen, denen das Gleiche passiert ist wie mir. Auf den Seiten aller Berliner Tageszeitungen wird seit 2003, erst unter Dementi der BVG, dann auch auf der Seite der Verkehrsbetriebe verstärkt vor einem Anstieg des Ticketbetrugs gewarnt. Eine Bandenkriminalität schließt man aus, aber was gebe ich auf die Informationen von Annodazumal. Am nächsten Morgen, reichlich unausgeschlafen und nervös, rufe ich die Polizei an. Wenn sie schon Liebesbriefe verschicken, wissen sie wohl am Besten, was sie zu bedeuten haben.

Freund, Helfer und Medizin
Der Beamte am Apparat des KOK in der Marchlewskistraße reagiert sehr freundlich. Täglich behandelt er Dutzende solcher Fälle, es sei bekannt, dass es Nachdrucke der Tickets gebe, die BVG sei seit etwa 3 Jahren dazu übergegangen, diese Fälle zur Anzeige zu bringen, und die Polizei sei dazu angehalten, den angezeigten Fällen nachzugehen. Ob ich bereits in diesem Bereich straffällig geworden sei? Ob ich mein Bußgeld überwiesen habe? Er beruhigt mich, dass die Berufsangabe freiwillig sei, nur ob es sich dabei um eine Selbstständigkeit handle oder ich angestellt sei, müsse geklärt sein. Im größten aller Kästen soll ich den Ablauf schildern, und genaue Angaben dazu machen, wann und wo und vor allem bei wem ich das Ticket gekauft habe. Eine Personenbeschreibung, soweit möglich.

Folgen Sie dem rosa Kaninchen
Ich versuche mich zu erinnern. Aber heute, einen Monat nach dem Vorfall, ist der Täter nur noch ein Schemen. Einmal glaube ich ihn wiedergesehen zu haben, mager, mit eingefallenen Wangen, einer Lederjacke, und kurzem braunem Haar und genauso kurzem Hals, in Jeans und weißem T-Shirt, wie er nachts um 11 vor der Apotheke an der Karl-Marx-Straße einen Schnaps schwenkte, und dabei den rechten Arm – er unterhielt sich gerade mit einem kleinen Buckligen. Für einen Moment hatte ich darüber nachgedacht, ihm meine überschwere Tasche vor die Brust zu knallen, aber auf einmal war ich mir nicht mehr sicher, ihn nicht vielleicht von ganz woanders zu kennen. Warum in aller Welt, möchte ich den freundlichen Beamten fragen, drücken sie mir die Anzeige nicht am selben Tag in die Hand? Und warum sagen ihre Kontrolleure nichts von der bevorstehenden Anzeige? Sind das pädagogische Effekte? Und wem nützen sie? Von einer genauen Beschreibung würden sie vermutlich eher profitieren als von meinem Schock.
Ich beschließe, meine freien Tage nun am U-Bahnhof zu verbringen. Zwei Wochen habe ich Zeit, mich zu entlasten. Alles was ich brauche, ist ein bequemes Kissen. Der leicht verwirrte, etwas streng riechende Mann , der an der anderen Seite des Gleises steht, kennt mich bereits. Wild habe ich seine Verkaufsversuche abgewehrt. "Nee, danke, brauch keine gefälschten Tickets mehr!" Da hat er ganz entrüstet die Hände in die Hüften gestützt und gerufen: "Ich verkauf keine gefälschten Tickets! Nie! Niemals hab ich sowas gemacht! Aber ich weiß, wende meinst. Die verjag ich immer gleich, wenn ich sie sehe. Weiß ja jeder, dass die ..." Ich nenne ihn Watson.

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Kommentare

Fritze
Fritze - 24.08.2010 - 17:10
Ein Lernstück für Zugereiste. Erinnert mich an die Warnung vor den Hütchenspielern, die jeder kennt und das Spiel trotzdem wagt. So richtig aus dem Leben. Schön geschrieben, wenn auch etwas lang für nen Bildschirm.

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